Verbandstoxikologe


Dr. Katharina Schenk-Jäger

  • Registriert laufend die in der Schweiz auftretenden Vergiftungsfälle

  • Recherchiert die Vorfälle (Ursache, Umstände, Behandlung usw.)

  • Erstellt einen jährlichen toxikologischen Bericht

  • Führt und aktualisiert die Liste der durch die VAPKO ausgebildeten und geprüften mykologischen Spitaldiagnostiker

  • Unterhält die Kontaktpflege zum Toxikologischen Zentrum Zürich und zu den Spitälern.

Frau Schenk, was bedeuten Ihnen Pilze?
Für mich sind Pilze faszinierende Geschöpfe der Natur, die sich oft nicht in ein Schema passen lassen, das der Mensch sich ausgedacht hat. Etwas launisch, sie kommen und gehen, wie und wann sie wollen. Und unberechenbar: Was schön aussieht, kann unter Umständen tödlich giftig sein.

Essen Sie Pilze? Gehen Sie in den Wald, um solche zu suchen?

Ich esse zweifellos gerne Pilze, allerdings bleibt mir neben Familie und Beruf nicht allzuviel Zeit, durch die Wälder zu streifen. An einem frischen Herbstmorgen lasse ich aber gerne ab und zu alles stehen und liegen und gönne mir einen Ausflug in die Wälder unserer näheren Umgebung.

Wie und wann sind Sie der "Welt der Pilze" zum ersten Mal begegnet und wie hat sich diese Begegnung entwickelt?

Erstmals richtig wahrgenommen habe ich die Pilze 2006 in meinem ersten Jahr als Assistenzärztin am Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum, kurzSTIZ. In diesem Zusammenhang habe ich sie insbesondere dann wahrgenommen, wenn etwas schiefgelaufen ist. So haben die Pilze einen sozusagen schlechten "ersten Eindruck" gemacht. Nach den ersten zaghaften Exkursionen habe ich aber plötzlich entdeckt, was für eine reichhaltige Vielfalt an Farben und Formen sich da in der Natur versteckt. So habe ich mich im Lauf der Zeit etwas versöhnt mit ihnen.

Welche Aufgabe haben Sie als Toxikologin im VSVP?

Eine zentrale Aufgabe ist die Bündelung der Vergiftungsfälle, deren Auswertung und Verbreitung der sich daraus ergebenden neuen Erkenntnisse zugunsten der Pilzliebhaber. Dazu gehört auch die fortwährende Literaturrecherche. Eine weitere Aufgabe, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die Ausbildung der Pilzkontrolleure und Spitaldiagnostiker. Die Toxikologie ist ein Fachgebiet, das sich rasch verändert. Diese Fachleute sollen auf dem neuesten Stand des Wissens sein, um ihre Kunden und Patienten kompetent beraten zu können. Mein Vorgänger, Dr. René Flammer, hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Es ist mir ein Anliegen, diese Arbeit in einem Team weiterzuführen. Dass ich dabei weiter auf seine fachkundige Unterstützung zählen darf, lässt mich etwas ruhiger schlafen.

Sie arbeiten als Ärztin am Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum; wie verläuft ein normaler Arbeitstag?

Ich arbeite am STIZ in einem Teilzeitpensum, das sich aus Auskunftsdienst und Spezialgebiet Pilze zusammensetzt. An einem normalen Arbeitstag im Auskunftsdienst beantworte ich telefonische Anfragen aus der Bevölkerung und von medizinischem Fachpersonal im Fall von vermuteten oder nachgewiesenen Vergiftungen. Je nach Saison erteilen wir bis zu 130 Auskünfte in 24 Stunden.

Welcher Art sind diese Anfragen?

Das Spektrum reicht von harmlosen Situationen, in denen die oft sehr aufgeregten Mütter beruhigt werden können, bis zu den akut lebensbedrohlichen Vergiftungen. In solchen Fällen soll unsere Notfallberatung den behandelnden Ärzten die richtigen Entscheidungsgrundlagen und Empfehlungen liefern, die sie benötigen, um den akut erkrankten Patienten angemessen zu versorgen. Das Spannende an einem Tag im Auskunftsdienst ist für mich, dass ich nie zum Vorneherein weiss, was der Tag alles bringt. Neben vielen Routineauskünften ist immer wieder einmal eine kleine "Perle" darunter! Wenn ich dann in dieser speziellen Situation jemandem mit unserem spezifischen Fachwissen weiterhelfen kann, bereitet mir das sehr viel Freude. Mein Spezialgebiet umfasst das Erstellen der Pilzdossiers, die alle Mitabeiterinnen im Auskunftsdienst benützen, die interne Fortbildung, sowie externe Vortragstätigkeit. Zudem unterhalte ich Kontakte zur Vapko und dem VSVP, sowie den deutschsprachigen Toxzentren in Pilzbelangen.

Welchen Vergiftungsfällen begegnen Sie am häufigsten?

Am häufigsten sind Kinderunfälle mit Haushaltsprodukten. Sie machen über 50% aller Anfragen aus. Ein "Klassiker" ist das Verschlucken von Seife, z.B. ein Schlückchen aus der Spülmittelflasche. Kinder sind auch gefährdet, wenn die Erwachsenen ihre Medikamente nicht richtig versorgen! Bei den Haushaltsunfällen können eifrige Hausfrauen betroffen sein, denen z. B. ein Reinigungsmittel ins Auge spritzt. Grosse Sorge bereitet uns jeweils die PET-Flasche, in welche ein gewerbliches Produkt umgefüllt wurde. Diese Produkte sind oft sehr viel giftiger als Haushaltsprodukte und enthalten Substanzen, die rasch zu einer schweren Vergiftung führen können. Weiter beraten wir Fachleute bei der Behandlung von Patienten, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Da werden einem manchmal Einblicke in menschliche Tragödien gewährt, die mich sehr berühren. In einer solchen Situation die entscheidenden Massnahmen zu empfehlen und dann auf der Rückmeldung zu lesen, wie der Betroffene doch froh ist, dass er die Vergiftung überlebt hat, bestätigt mich in meiner Arbeit.

Wie häufig sind dabei Pilzvergiftungen? Welche Pilze stehen im Vordergrund?

Anfragen wegen Pilzen machen bei uns ca. 1.5 2% aus, d.h. von den ca. 33 000 Beratungen sind es jährlich 400 600 Pilzanfragen. Das scheint eine geringe Zahl zu sein. Es gilt jedoch zu bedenken, dass das potentielle Risiko bei Pilzvergiftungen sehr hoch ist. Zudem sind die Pilze ja nicht angeschrieben, sodass es ohne Mitwirken der Pilzkontrolleure nicht möglich wäre, so differenziert zu beraten. Sagt uns nämlich eine Pilzkontrolleurin, dass es sich nicht um einen Giftpilz handelt, können wir dem Betroffenen eine sehr unangenehme und kostspielige Therapie ersparen. Jedes Jahr vergiften sich in der Schweiz mehrere Menschen mit Amatoxin, das u.a. im Grünen Knollenblätterpilz vorkommt. An einer solchen Vergiftung kann man auch heute noch sterben. Neben Zwischenfällen mit Speisepilzen kommen Anfragen wegen Kindern, die Rasenpilze gegessen haben, recht häufig vor.

Gibt es Auffälligkeiten bei diesen Pilzvergiftungen?

Alle potentiell tödlichen Pilzvergiftungen ziehen sich die Patienten wegen Konsums unkontrollierter Wildpilze zu. Das Überschätzen der eigenen mykologischen Kenntnisse führt regelmässig zu schweren Vergiftungen. Bei einem derart dichten Netz von Pilzkontrollstellen ist es schlicht verantwortungslos, unkontrollierte Pilze zu verspeisen oder gar zu verschenken! Da die Symptome der Knollenblätterpilzvergiftung typischerweise erst viele Stunden nach der Mahlzeit auftreten, verstreicht nicht selten sehr viel Zeit, bis sich die Patienten in ärztliche Behandlung begeben. Gerade bei dieser Vergiftung spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Immer wieder werden Patienten erst im Stadium des Leberversagens behandelt, was die Prognose erheblich verschlechtert.

Gibt es im Zusammenhang mit Pilzvergiftungen neue Erkenntnisse, z. B. neue Forschungsresultate?

Aktuelle Forschungsarbeiten sind auf dem Gebiet der Behandlungsstrategie bei Knollenblätterpilzvergiftungen im Gange. Es werden neue Verfahren getestet, die Patienten über die Phase des Leberversagens hinaus am Leben erhalten sollen, bis sich die eigene Leber erholt hat, resp. eine Spenderorgan verfügbar ist. Weiter finden Untersuchungen statt, die sich mit der Analyse bisher unbekannter Pilzgifte befassen. Seit vor einigen Jahren bekannt wurde, dass im Grünling ein muskelzersetzendes Gift enthalten ist, dehnen sich die Forschungsarbeiten in diesem Gebiet ebenfalls aus. Im STIZ schreibe ich im Moment meine Dissertation, die sich mit den Schweizer Pilzvergiftungen der letzten 15 Jahre beschäftigt. Die Resultate liegen, so hoffe ich, bis Ende Jahr vor.

Wie werden Erfahrungen und Forschungsergebnisse ausgetauscht?

Das STIZ steht in engem Kontakt mit den Schweizer Spitälern, die uns, nicht nur bei Pilzvergiftungen, mit Angaben über den Verlauf einer Vergiftung wesentliche Informationen liefern. Diese Erkenntnisse fliessen dann in unsere zukünftigen Beratungen ein. International sind wir in vielen verschiedenen Gremien gut vernetzt. Ich bin Mitglied einer Arbeitsgruppe der deutschsprachigen Toxzentren, die damit beschäftigt ist, eine neue prospektive Studie zu lancieren. Das Ziel der Untersuchung besteht darin, Pilzvergiftungen systematisch zu erfassen.

Haben Sie auch Zeit für Hobbys?

Da muss ich lange studieren: Eigentlich bleibt praktisch keine Zeit für anderweitige Beschäftigungen! Die Familie mit den drei Töchtern (10, 8, 5), Haus und Garten, Beruf und Pilze füllen meine Tage problemlos. Wenn ich dann einmal Zeit für mich finde, lese ich sehr gerne oder nehme statt des Pilzkorbes die Fotoausrüstung mit in den Wald.

Was freut Sie besonders in Ihrer Umgebung, in unserem Land?

Besonders Freude habe ich an der Tatsache, dass es in unserem Dorf möglich ist, den Kindern viel Freiraum zu lassen. Sie können unbeschwert draussen spielen, mit dem Velo herumkurven, ohne dass ich ständig in Sorge sein müsste. Das ist eine Errungenschaft, die es zu erhalten gilt! Im Grösseren gilt das auch für unser Land: Es ist nicht selbstverständlich, dass wir in einer so sicheren Umgebung leben dürfen. Ich fahre nachts spät nach der Arbeit im ÖV nach Hause, ohne Angst, dass mir etwas zustossen könnte. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir in den letzten Jahrzehnten vor grösseren Katastrophen verschont geblieben sind.

Gibt es Dinge, die Ihnen weniger Freude bereiten?

Mit gewissem Unbehagen nehme ich zur Kenntnis, dass viele Dinge im Kleinen wie im Grossen mutlos angegangen werden. Furcht vor Veränderung lässt die Menschen manchmal in unmöglichen Situation ausharren. Sich aufraffen, Dinge zu verändern, die eigene Zukunft an die Hand zu nehmen, das wünsche ich mir.

Was würden Sie als Ihre Stärke bezeichnen?

Ich habe das Glück, mit einigem Organisationstalent ausgerüstet zu sein. Damit steht und fällt mein Alltag im Spagat zwischen Familie, Wald und STIZ. Zudem gehöre ich sicher eher zu denjenigen, die zielgerichtet die angestrebten Ziele verfolgen und sich nicht so leicht beirren lassen. Und wenn ich andere für meine Projekte begeistern kann, freue ich mich doppelt.

Gibt es vielleicht auch eine Schwäche?

Oh ja! Ich habe eine grosse Schwäche für Schokolade! Ohne Scherze: So sehr ich mich für etwas begeistern kann, so schmerzhaft ist bei einem Misserfolg die Ernüchterung. Und die kann ich nicht immer so gut überwinden... Zudem gehöre ich nicht zu denjenigen Zeitgenossen mit speziell viel Geduld!
Und was würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?

Ich bin ein ausgesprochen geselliger Mensch. So macht mir der Gedanke an eine einsame Insel vor allem Angst! Würde man mich doch dorthin verknurren: Ein Buch von Anita Shreve, eine CD von Sting und Goldmelissensirup!